Im Anthropozän sollten wir „Weltgärtner“ werden

Das Anthropozän erfordert ein Überdenken des westlichen Naturbegriffs, und in diesem Prozess könnte der Garten eine fruchtbare Metapher sein, um einen Weg für das menschliche Überleben aufzuzeigen.

Der Begriff Anthropozän wurde von Paul Crutzen und Eugene Stoermer im Jahr 2000 geprägt und bezeichnet eine völlig neue geologische Situation, in der der Mensch inzwischen jeden Kubikzentimeter auf dem Planeten beeinflusst, zum Beispiel durch Kohlenstoff- oder Stickstoffemissionen. Folglich muss das klassisch-westliche Verständnis eines Dualismus von Natur und Kultur aufgegeben werden, weil es keine nicht von Kultur durchdrungene Natur mehr gibt. Das bedeutet, dass es auch keine Hoffnung mehr gibt, die „gute Natur“ vor dem „bösen menschlichen Einfluss“ zu schützen, um zu überleben, wie es die Halb-Erde-Hypothese (z. B. Edward Wilson) vorschlägt, indem 50 % der Erdoberfläche für nicht-menschliche Arten vorbehalten werden. Stattdessen sollten wir die Erde zu 100 % als ein komplexes Geflecht natürlicher, sozialer und technologischer Kräfte betrachten und uns verantwortungsvoll um sie kümmern. Gegenwärtig sind wir nicht in der Lage, diese Verantwortung zu übernehmen. Auf einem durch Klima- und Biodiversitätskrise gebeutelten Planeten werden menschliche Gesellschaften, wie wir sie kennen, nicht überleben könnten.

In dieser Situation sieht der deutsche Geologe Reinhold Leinfelder, der Mitglied der Anthropozän-Arbeitsgruppe ist, den Garten als geeignete Metapher für die Bewältigung der Herausforderungen des neuen geologischen Zeitalters. Für ihn muss „wissensbasiertes nachhaltiges ‚Gärtnern‘ den vorherrschenden Raubbau an der Natur ablösen“ (Leinfelder 2013, S. 26). Er fordert, dass Gärtner die Welt gestalten, denn ein Gärtner ist in der Lage, die komplexen Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Kräften zu steuern. Diese bemerkenswerte Aussage eines wichtigen Befürworters des Anthropozäns hatte in Deutschland bereits einen Präzedenzfall, und zwar von jemandem, der wahrscheinlich zu früh kam, um befolgt zu werden. Hubert Markl (1938-2015), ein bedeutender deutscher Biologe, der sowohl Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1986-1991) als auch der Max-Planck-Gesellschaft (1996-2002) war, prägte bereits in den 1980er Jahren den Begriff „Anthropozoikum“ als ein völlig neues Erdzeitalter, in dem die Natur vom Menschen verantwortlich gestaltet und erhalten werden sollte (Markl 1986, S. 134). Dafür konnte er sich keine bessere Metapher vorstellen als den Garten, denn er gleicht einer erfolgreichen Natur-Kultur-Symbiose:
“Das uns allen wohlvertraute Symbol und Beispiel solcher Symbiose ist der Garten als eine Form der Landnutzung, die mehr ist als ertragsmaximierende Biotechnologie. Wir brauchen Garten-Denken gegenüber der von uns genutzten Erde als humanverantwortliche Ergänzung zur berechnenden Rationalität ökonomischen Planens. Garten-Denken heißt, aus dem Land mehr als nur das Letzte herauszuholen. Ein Garten ist ja alles andere als unproduktiv, Nutzpflanzen bestimmen und beherrschen ihn. Aber er ist doch nie nur Stätte produktiver Effizienz. Er ist immer auch Stätte organischer Schönheit und harmonischen Wohlbehagens, die zwar unaufhörlicher Pflege und Obhut bedürfen, sich aber doch nur vorbereiten, nicht erzeugen, geschweige denn erzwingen lassen. Ein schöner Garten lebt vom Reichtum seiner Selbstentfaltung, von seiner Ordnung wie von seinen Entgleisungen, vom Eingriff wie vom Eigenwillen, von Planung wie von Selbstgestaltung. Er ist nicht nur Ordnung und daher mehr als Plantage; er ist nicht nur Wildnis und daher auch nutzbar. Ein richtiger Garten ist die Harmonie von Natur und Kultur. Wenn wir Verantwortung für den Bestand des Lebens ernst nehmen, so müssen wir wollen, dass Garten-Denken, Garten-Handeln […] das Grundprinzip jeder Landnutzung und Landesgestaltung sind.“ (Markl 1986, S. 372f)

Sowohl Leinfelder als auch Markl machen deutlich, dass der Garten vielleicht DIE Metapher für ein geologisches Zeitalter ist, in dem der Mensch zum dominierenden Faktor des Erdsystems geworden ist und ein neues Konzept der Verantwortung benötigt. Die Gartenmetapher ist aus mehreren Gründen sehr aussagekräftig. Erstens zeigt sie die Verflechtung von Menschen und Nicht-Menschen, und zweitens betont sie komplexe Beziehungen anstelle von einfachen, monofunktionalen Ansätzen. Drittens erfordert ein Garten antizipatorisches Denken, ein Gärtner muss die zukünftigen Auswirkungen seines aktuellen Handelns bedenken, was in der Tat Demut lehrt, da die Ergebnisse nicht vorhersehbar sind. Viertens verbindet ein Garten Nutzen und Schönheit, was schließlich bedeutet, dass ein Garten von kreativen, subjektiven Ideen abhängt und sich nicht allein auf Rationalität stützen kann.

Die beiden letztgenannten Aspekte – Schönheit und kreative Ideen – sind die größten Herausforderungen bei der Verwirklichung eines echten Weltgartens. Die technischen Lösungen für Leinfelders „wissensbasiertes nachhaltiges Gärtnern“ sind weitgehend vorhanden, zum Beispiel durch die Reduzierung von Kohlendioxid oder die Erhöhung der biologischen Vielfalt. Doch Rationalität und Technik reichen nicht aus, um die Menschen zu den notwendigen Veränderungen in ihrem Lebensstil zu motivieren – wahrscheinlich ist es noch wichtiger, Emotionen auszulösen. Wir brauchen also Ideen, die das Spektrum der Lösungen in schönen Entwürfen zusammenfassen – zum Beispiel als Ideen für Gärten, nach denen wir uns sehnen. Diese spannenden Herausforderungen gilt es für raumgestaltenden Disziplinen wie Städtebau und Landschaftsarchitektur nun anzugehen!

[Beitrag von Martin Prominski, LG Niedersachsen, Bremen]

Literatur:
[1] Crutzen, Paul and Eugene Stoermer. 2000. The ‘Anthropocene’. Global Change Newsletter 41 (2000): 17–18
[2] Leinfelder, Reinhold. 2013. Assuming Responsibility for the Anthropocene: Challenges and Opportunities in Education.
In: “Anthropocene: Exploring the Future of the Age of Humans”, edited by Helmuth Trischler, RCC Perspectives 2013,
no. 3, 9–28
[3] Markl, Hubert. 1986. Natur als Kulturaufgabe. Stuttgart, DVA

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