Regensburg Margaretenau – Solaroptimiertes Bauen im historischen Wohnquartier

 

 

Christine Schimpfermann, Landesgruppe Bayern

Gebäudekomplex Margaretenau nach der energetischen Sanierung, © Herbert Stolz, Regensburg
Gebäudekomplex Margaretenau nach der energetischen Sanierung, © Herbert Stolz, Regensburg

Der Erste Schritt

Die Stadt Regensburg hat sich mit dem 2017 beschlossenen „Leitbild Energie und Klima“ verpflichtet, erhebliche CO2-Einsparungen zu realisieren. Um dieses Ziel zu erreichen, muss u. a. die Gebäudeeffizienz im gesamten Stadtgebiet deutlich verbessert werden.

Die Stadtverwaltung hat daher die Initiative ergriffen und in Zusammenarbeit mit der Baugenossenschaft Margaretenau eG die Erarbeitung eines Quartierskonzepts für die energetische Sanierung des Gebäudebestands der Genossenschaft gefördert und darauf aufbauend ein Sanierungsmanagement auf den Weg gebracht. Grundlage war das KfW-Programm „Energetische Stadtsanierung“, in dem die KfW zunächst 65 % der Kosten für ein „Integriertes Quartierkonzept“ übernahm, die restlichen 35 % der Kosten wurden von der Stadt Regensburg im Rahmen eines Zuschusses finanziert. Ansprechpartner bei der Stadt Regensburg ist Herr Armin Mayr, stellvertretender Leiter des Amtes für Stadtentwicklung; bei der Baugenossenschaft Margaretenau eG ist Herr Siegmund Knauer (Vorstand) als Ansprechpartner benannt.

Die Gebäude stammen mehrheitlich aus den Jahren 1919 bis 1935 (s. Abb. 1). Das Konzept für das gesamte ca. 350 Wohnungen und ca. 25.000 m2 umfassende Quartier sieht vor, die Gebäude mit vertretbarem Aufwand musterhaft zu sanieren, ohne das historische Erscheinungsbild zu zerstören. 

Quartiersübersicht mit Baualter der Wohngebäude, © Luxgreen Climadesign GmbH, Regensburg
Quartiersübersicht mit Baualter der Wohngebäude, © Luxgreen Climadesign GmbH, Regensburg

Für den Sanierungsprozess wurden drei maßgebliche Zielsetzungen formuliert:

  • Energetische KomponenteDie Maßnahmen im Quartier müssen zu einer deutlichen Reduzierung der CO2-Emissionen führen.
  • Soziale KomponenteDie Mietbelastung der Bewohnerinnen und Bewohner muss auch nach der Sanierung noch tragbar sein, eine weitgehende Mietkostenneutralität wird angestrebt.
  • Stadtgestalterische KomponenteDie besondere städtebauliche und architektonische Qualität des historischen Quartiers ist zu erhalten. 

Im Rahmen der Erstellung des Quartierskonzepts hat das beauftragte Planungsbüro Luxgreen Climadesign GmbH, Regensburg, auf Basis einer umfassenden Bestandsanalyse, Vorschläge für die energetische Ertüchtigung der Gebäude und für eine zeitgemäße Energieversorgung erarbeitet. Darüber hinaus wurden städtebauliche Nachverdichtungskonzepte, wie z. B. ein Ausbau der Dachgeschosse angeregt, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen und die Gesamtenergiebilanz zu verbessern. 

Die Umsetzung erfolgt im Rahmen eines ebenfalls von der KfW bezuschussten Sanierungsmanagements, das von der Genossenschaft Margaretenau eG und der Stadt Regensburg finanziert wird. 

 

Forschungsprojekt im Förderprogramm „Solares Bauen“

Parallel wird das Projekt durch ein ambitioniertes Forschungsprojekt der Ostbayerischen Technischen Universität Regensburg (OTH Regensburg) begleitet. Dabei entwickelt ein Team aus mehreren Firmen und Hochschulen, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, ein effizientes Hybrid-Heizsystem aus Blockheizkraftwerk und Wärmepumpe, neuartige mineralische Putzsysteme auf Basis hohler Glaskügelchen und ein intelligentes, selbstlernendes Energie-Managementsystem. Ziel ist es, Musterlösungen für solaroptimiertes Wohnen in einem historischen Quartier zu erproben und das Wissen, beispielsweise über das KI-gestützte Energiemanagement, anschließend für andere Projekte zur Verfügung zu stellen. 

 

Umsetzung der Musterlösungen für solares Bauen im Bestand

Für die Musterlösung stand ein Mehrfamilienhaus mit 24 Wohnungen aus den 1930er Jahren als Forschungs- und Demonstrationsobjekt zur Verfügung. Um die Energiebilanz zu verbessern, wurde anstatt eines üblichen Wärmedämmverbundsystems ein neu entwickeltes spritzbares mineralisches Dämmsystem eingesetzt, welches aus winzigen Hohlglaskugeln besteht. Zudem wurde ein ebenfalls auf dem Werkstoff Glas basierendes solaraktives System erforscht, welches Sonnenenergie in das Gebäudeinnere lenkt und zu einer verbesserten thermischen Behaglichkeit im Gebäudeinneren betragen soll. Die Sanierung der Außenflächen des Demonstrationsobjekts wurde im Jahr 2021 abgeschlossen.

Im Sinne eines wirtschaftlichen und umweltfreundlichen Umgangs mit Grund und Boden, wurden durch einen Dachgeschossausbau sechs weitere Wohnungen geschaffen, wobei der architektonische Charakter der Wohnanlage erhalten und gestärkt werden konnte. 

Dieses im Förderprogramm „Solares Bauen“ durchgeführte Forschungsprojekt MAGGIE, benannt nach einer innovativ-jungen Version der Quartiers-Namensgeberin Margarete (Fürstin Margarete von Thurn & Taxis, 1870 – 1955), beinhaltet neben der neuartigen Wärmedämmung auch Musterlösungen für eine vorhersagebasierte und KI-gestützte Versorgungstechnologie. Die Energieerzeugung erfolgt heute über ein Blockheizkraftwerk (BHKW) mit innovativer Wärmepumpentechnologie in Kombination mit einer Photovoltaikanlage. Dabei wird der erzeugte Strom überwiegend im Wohngebäude selbst verbraucht. Die Forschenden der OTH Regensburg haben ein KI-basiertes, selbstlernendes Steuerungssystem entwickelt, das Nutzerprofile, Energiepreise und Wetterprognosen berücksichtigt und damit Energieerzeugung, -Verteilung und Speicherung in Echtzeit auf den Bedarf der Bewohnerinnen und Bewohner abstimmt.

Abb. 2: Luftbild des Sanierungsobjektes, © Herbert Stolz, Regensburg
Abb. 2: Luftbild des Sanierungsobjektes, © Herbert Stolz, Regensburg

Im Rahmen des Datenmonitorings wurde die Musteranlage mit dem neuen Fassadendämmsystem und dem innovativen Energieversorgungssystem einem Referenzsystem mit Multipor-Dämmplatten-Lösung und Pellet/Gaskessel gegenübergestellt und eine Lebenszyklus-Analyse durchgeführt. Die Ergebnisse (Stand März 2023) weisen nach, dass sich die Investition bei einer Nutzungsdauer von 50 Jahren rentiert.

Gegenüber einer unveränderten Weiternutzung im Bestand (unsaniert) beträgt das Einsparpotential für das „Global Warming Potential“ (GWP; Äquivalent für das Treibhauspotential) ca. 70 %. Damit lässt sich nach Angabe der Forschungsgruppe eine ökologische Amortisationsdauer der Modernisierungsmaßnahmen von nur 3,5 Jahren prognostizieren. D. h. die Rentabilität liegt unter dem Gesichtspunkt einer ökologischen Bewertung weit über der ökonomischen Betrachtungsweise.

Das Bundesumweltministerium hat das Projekt 2021 im Rahmen des Bundespreises Umwelt & Bauen in der Kategorie „Klimagerechte Sanierung“ mit einer Anerkennung prämiert. Aus der Jury-Begründung:

„Dem Sanierungsprojekt „Margaretenau“ gelingt es, durch eine Warmmieten-konstante Sanierung und eine intensive Partizipation der Mieterinnen und Mieter die sozialen Aspekte einer Sanierung zu berücksichtigen. Hervorzuheben ist darüber hinaus, dass die erfolgreiche Umsetzung des Projektes mit der Integration der Bewohnerinnen und Bewohner auch bei der Erneuerung des Gesamtquartiers mit 300 Wohneinheiten Anwendung findet. Dies spiegelt wider, dass die umgesetzten Maßnahmen die Akzeptanz bei den Bewohnerinnen und Bewohnern, trotz Einschränkungen im Bauprozess, erhalten und die detaillierte Planung in der Bauausführung umsetzbar ist.“ (Rudnik/Rühle, Hrsg. UBA 2022, 49 – 57) 

Das Projekt erhielt außerdem 2022 einen Sonderpreis des Deutschen Bauherrenpreises, der als wichtigster Preis im Bereich des Wohnungsbaus in Deutschland gilt. Er wird vom Verband der Wohnungswirtschaft GdW, dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA und dem Deutschen Städtetag ausgelobt und vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen unterstützt. Textauszug:

„Die behutsame, materialgerechte, sinnvolle Ausbauergänzung trägt in hervorragender Weise dem Gedanken Rechnung, vorhandene Bestände zu sanieren und zu pflegen. Gleichzeitig werden damit alle Möglichkeiten einer angemessenen, behutsamen, stilgerechten Verdichtung genutzt, um Ressourcen zu sparen und die Inanspruchnahme neuer Flächen zu vermeiden. Sowohl die Einbeziehung der Bewohnerinnen und Bewohner in den Umbauprozess als auch der Aspekt, dass die heimatliche Struktur des Wohnkomplexes belassen und gestärkt wurde, sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Projektes. Sie zeigen beispielhaft, wie Eingriffe dieser Art nicht nur baulich, sondern auch sozial gelingen können. Der mit der Stadt festgelegte Gestaltungsrahmen ist Vorbild für die weiteren Sanierungen im gesamten Ensemble.“ (Arbeitsgruppe KOOPERATION GdW-BDA-DST Deutscher Bauherrenpreis 2022, online) 


Umsetzung – Soziale und stadtgestalterische Komponente

Um die Akzeptanz der Maßnahme zu erhöhen, wurden die Mieterinnen und Mieter intensiv in den Planungs- und Umsetzungsprozess eingebunden. Dank des genossenschaftlichen Eigentumsmodells konnten die Warmmieten trotz Sanierung konstant gehalten werden. Die sanierungsbedingten Mehrkosten können durch Einsparungen bei den Kosten für Energie und Strom ausgeglichen werden. Die Befürchtung der Mieterinnen und Mieter, dass durch die Sanierung Kostensteigerungen auftreten, die sie nicht mehr finanzieren können und sie damit zum Wegzug zwingen, konnten somit ausgeräumt werden. 

Die Projektbausteine wirken sich auch positiv auf das Ortsbild aus. Das gesamte Quartier steht zwar weder unter Ensembleschutz, noch sind Einzeldenkmale ausgewiesen. Dennoch ist es gemeinsames Ziel der Genossenschaft als Bauherrin und der Stadt, die prägende und identitätsstiftende Gestaltung der genossenschaftlichen Bauten aus den 1920er Jahren auch im Rahmen der energetischen Sanierung zu erhalten. Der baukulturelle Anspruch zeigt sich bei der Auswahl der Materialien (z. B. Holzfenster, Holzfensterläden, Biberschwanzdachdeckung usw.), dem Einsatz und der Art der Wärmedämmung, der Farbgebung sowie der Integration der Solarpaneele auf den Dachflächen. Die Herausarbeitung der stadträumlichen Qualität führt so zu einer spürbaren Aufwertung des Quartiers. 


Forschungsprojekt im Förderprogramm „Solares Bauen“

In der Margaretenau wurden mit Aufbau des Energiemanagementsystems umfangreiche Datenbestände geschaffen. Diese werden für die Entwicklung eines digitalen Energie-Zwilling genutzt, mit dem energetische Modellierungen für weitere Wohnquartiere in Regensburg ermöglicht werden sollen. Das Projekt ist Teil der Smart City-Strategie der Stadt Regensburg und wird von der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) begleitet. Ziel ist, Anwendungsfälle zu entwickeln, die von den verschiedenen städtischen Akteuren (Verwaltung, Bürgerschaft, Politik, u.a.) zur Gestaltung der Wärme- und Energiewende genutzt werden können. 

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