„Stadt als Garten“ auf dem Kronsberg am Rand von Hannover

Im Jahr 1990 war unerwartet die Entscheidung für die Ausrichtung einer Weltausstellung in Hannover gefallen. Die Bürger der Stadt waren keineswegs begeistert. Sie fürchteten sich besonders vor dem Verkehr und vor einem Anstieg der Mieten. Eine Befragung ergab nur eine hauchdünne Mehrheit für die EXPO 2000. [1]

Politik und Verwaltung suchten nach Möglichkeiten, Ängste zu nehmen und positive Einstellungen zu stärken. In dieser Situation kam die Idee gut an, das Motto „Mensch-Natur-Technik“ zur EXPO mit dem Bild des Gartens zu verbinden. Die Idee basierte auf einem Vortrag von Hubert Markl auf der DASL-Jahrestagung 1983 in Goslar, der darin die räumlichen Planer aufforderte, angesichts des dramatischen Artensterbens, den Garten als Modell für eine „Natur-Kultur-Symbiose“ zu verwenden. [2]

Aus der Idee entwickelte sich in Hannover ein handfestes Projekt, das sich „Stadt als Garten“ nannte. Es war im Wesentlichen ein Investitionsprojekt, mit dem die Verbesserung der „Gartenqualitäten“ der Stadt und der Region erreicht werden sollten. Es gehörte zu einem Programm „Stadt und Region als Exponat“ im Rahmen eines Hannoverprogramms 2001, das mit „Kommunaler Klimaschutz“ und „Stadt als sozialer Lebensraum“ zwei weitere Projekte enthielt. [3]

Ich war der Projektleiter von „Stadt als Garten“. Das Projekt bestand aus vielen verschiedenen Vorhaben in den thematischen Schwerpunkten: historische Freiräume, neue Siedlungsprojekte, Landschaftsräume an den inneren und äußeren Stadträndern, umweltfreundliche Landwirtschaft sowie Gartenkultur und Umweltbildung. Die Bearbeitung dieser Themen war nicht flächendeckend, sondern konzentrierte sich auf ausgewählte Gebiete. Eins davon war der Kronsberg am südöstlichen Rand der Stadt. [4]

Kronsberg als Entwicklungsraum am Stadtrand zur EXPO 2000

Der sanft ansteigende und ackerbaulich genutzte Höhenrücken des Kronsberges war das letzte große bauliche Erweiterungsgebiet von Hannover. Dafür waren schon in den 1970er und 1980er Jahren landschafts- und stadtplanerische Vorstellungen entwickelt worden.

Als Kerngebiet der Weltausstellung war das Gelände der Hannover Messe direkt neben dem Kronsberg ausgewählt worden. So bot sich dortie Möglichkeit, die Anliegen von „Stadt und der Region als Exponat“ in unmittelbarer Nachbarschaft des eingezäunten Geländes der EXPO wirkungsvoll zu präsentieren. Alle drei zukunftsorientieren Projekte der Stadt (Garten-, Lebensraum- und Klimaprojekt) waren auf dem Kronsberg mit interessanten Vorhaben vertreten.

Landschaftsplan Kronsberg

Kronsberg als Garten

Historische Gärten waren auf dem kahlen Kronsberg nicht zu finden, aber die   anderen Themen des Gartenprojekts konnten dort beispielhaft bearbeitet werden.

In einem neuen Stadtteil „Kronsberg“ (Krondberg-Nord) mit einer rasterförmigen Erschließung war die Hauptherausforderung, die Freiraumplanung mit ökologischen Aspekten zu verknüpfen. Vor allem das Regenwasser sollte komplett versickert werden. Entsprechende Anlagen sind in allen privaten Freiräumen, auf den Straßen und in den öffentlichen Grünflächen zu finden. Private und öffentliche Freiräume sind eng miteinander verflochten. Sie sollten dem sozialen Zusammenhalt dienen und zu gemeinschaftlichem Tun ermutigen. In allen Straßen wurden Schatten spendende Bäume gepflanzt. Die öffentlichen Freiräume waren in ein System von Grünverbindungen und Grünzügen eingefügt, die in die Stadt hinein und die Landschaft hinausführen.

Das Stadtrandthema lag uns hannoverschen Freiraumplanern besonders am Herzen. Wir wollten die geplante Bauentwicklung am Kronsberg klar und wirkungsvoll begrenzen, die Landschaft vor der Siedlung unverwechselbar gestalten, großräumige Erholungsmöglichkeiten anbieten, eine ökologische Landwirtschaft einführen und einen artenreichen Lebensraum für Flora und Fauna schaffen.

Bild Kaspar Klaffke

Schon vor der EXPO -Entscheidung war mit einer großflächigen Aufforstung des Kronbergkammes begonnen worden, um ihm einen „grünen Hut“ aufzusetzen. Nach einer Idee des Landschaftsarchitekten Dieter Kienast sollten mit dem in der Siedlung anfallenden Bodenaushub (Kalkmergel) drei künstliche Hügel aufgeschüttet werden, um dem Höhenrücken wenigstens drei kleine Berge zu schenken. (Leider konnten nur zwei davon gebaut werden.) Als eindeutig markierte Grenze zwischen Baugebiet und Landschaft wurde eine mehrere Kilometer lange Allee aus Linden (auf der Stadtseite) und Vogelkirschen (auf der Landschaftsseite) gepflanzt. Zwischen Allee und Waldrand entstand eine breite Allmende, die von Schafen beweidet wird. [5]

Diese großen Flächen freier Landschaft wurden am Südhang zum Weltausstellungsgelände hin mit einem „Parc Agricole“ von Kamel Louafi ergänzt, an dessen Entstehung auch andere Landschaftsarchitekten beteiligt waren.

Von Anfang an war das Ziel, diese gestaltete Landschaft nicht nur den Menschen, sondern auch den Pflanzen und Tieren zur Verfügung zu stellen. Es entwickelte sich eine sehr anregende Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz und der Leibniz Universität Hannover (heute Institut für Umweltplanung). [6]

Die Stadt Hannover hat ein sehr enggefasstes Stadtgebiet. Bemühungen, es im Rahmen der Gebiets- und Verwaltungsreform zu vergrößern erbrachten nur wenige Zugewinne. Dadurch sind die wenigen noch offenen Landschaftsräume am Rande der Stadt ständig in Gefahr, Bauabsichten geopfert zu werden. Mit einem „Grünen Ring“, d3er federführend vom Kommunalverband Großraum Hannover (heute Region Hannover) geplant wurde, sollten diese Resträume aufgewertet und mit einem Weg verbunden werden. Der Kronsberg gehört auch zu diesen Randlandschaften. Der Weg wurde dort auf dem Kamm angelegt. Er führt in die benachbarten Landschaftsräume, Stadtteile und Kommunen.

Da die Stadt Hannover auch am Südosthang des Kronsberges Eigentümerin vieler ackerbaulich genutzter Grundstücke ist, wurde dort ein Musterhof nach dem Modell der Herrmannsdorfer Landwerkstätten mit Vermarktung vor Ort geschaffen.

Allgemein befanden sich die an der Entwicklung des Kronberges beteiligten Planer in dieser Zeit im fortdauernden Zustand der Begeisterung.

Aktueller Ortsbesuch

Neulich bin ich mit meinem Kollegen Cornelius Scherzer, der heute in Dresden lebt, mal wieder einen Tag lang über den Kronsberg gestreift. Herr Scherzer war in jungen Jahren selbst als freier Landschaftsarchitekt an den Entwicklungen im Bereich des Kronsberges beteiligt.

Bild Kaspar Klaffke

Was haben wir gesehen?

Der zur EXPO gebaute neue Stadtteil Kronberg (Kronsberg Nord) wirkte friedlich und ordentlich. Kaum zu glauben, dass hier vor kurzem nach Berichten in den lokalen Zeitungen gewaltbereite Jugendliche für Verdruss sorgten.

Die damals in den Straßen gepflanzten Bäumchen unterschiedlicher Arten sind inzwischen zu stattlichen Bäumen herangewachsen und lassen auf angenehme Weise unterschiedliche Straßenbilder entstehen.

Auch die Randallee zur Landschaft hat sich zu einem kräftigen Raumelement entwickelt. Sie fordert dazu auf, sich auf den Weg zu machen.

Im Bereich des jetzt neu entstehenden Stadtteils Kronsrode (Kronberg Süd) rücken mehrgeschossige Häuser sehr dicht an die Allee heran. Wir wünschten ihr noch mehr Wachstum. „Finde Deine Mitte“ und am „Am Grünen Bogen“, stand auf einem werbenden Plakat im Baugebiet, als würden Lebensglück und Freiraum selbstverständlich zusammengehören.

Viele Baukräne bewiesen rege Bautätigkeit. Ist das, was hier geschieht, die angemessene städtebauliche Weiterentwicklung in Zeiten den Klimawandels? Oder ist es das sehr viel kleinere, am anderen Ende der Allee entstehende, genossenschaftlich organisierte Baugebiet „Ecovillage“? Von ihm war allerdings außer einem Bauschild noch nichts zu sehen.

Die Allmende großzügig weit. Wie bestellt weidete dort eine große Herde Schafe. Wir wussten, dass die Herrmannsdorfer Landwerkstätten wegen mangelnder Rendite aufgegeben hatten. Aber die ökologische Landwirtschaft scheint am Kronsberg noch aktiv zu sein. Streuobstwiesen und Wildobsthecken verwiesen verheißungsvoll auf den Herbst.

Wir bestiegen beide Aussichtshügel. Sie gewährten uns weite Blicke auf die Stadt und in die Landschaft. Wie die Zacken eine Krone standen dort oben Mehlbeerbäume im Kreis. Das Wetter war heiß und dennoch wehte ein frischer Wind. Mit uns genossen auch andere Menschen den Ausblick ins Offene.

Und den Überblick über den Wald. Bis jetzt hatte ich von den Hügeln aus immer nur Schonungen erblickt, kleine Bäumchen, die sich mühten. Jetzt sah ich zum ersten Mal einen richtigen jungen Wald und ich fragte mich besorgt: Werden die Hügel überhaupt hoch genug sein, um auch in Zukunft über den Wald hinwegblicken zu können?

Am Fuß des Hügels waren ein wenig verblasst die Wegmarkierungen des Grünen Ringes zu erkennen. Zufällig erzählte mir eine Kollegin der Regionsverwaltung wenige Tage später, dass Planungen für eine Auffrischung des Grünen Ringes laufen.

Beim Blick auf die Allmende erinnerte ich mich an meinen letzten Besuch auf dem Kronsberg an einem Tag im Herbst. Viele Menschen, vor allem Väter mit ihren Kindern ließen dort ihre Drachen steigen. Es war ein buntes Gewimmel, unten und in der Luft.

Jetzt war es im weiten Grasland ganz still. Aber stand da nicht eine Lerche in der Luft und tirilierte vor Lebenslust? Und was sah ich über dem Kalkmagerrasen am Hügelhang? Ja doch, einen Schwalbenschwanz, Schmetterling aus Kindheitstagen. Das konnte doch nicht wahr sein.

Doch es war wahr. War das die Transformation, die wir uns wünschen?

[1] Dieter Eisfeld (1992: Commedia dell` Expo. Die Anfänge der EXPO 2000 in Hannover mit dem Thema Mensch, Natur, Technik, Hannover.

[2] Hubert Markl (1983): Die Verantwortung für den Bestand des Lebens – Evolution und Ökologische Krise. Nachzulesen in: Heidede Becker und Johann Jessen (Hg, 2021), Stadt und Planung. Ein Lesebuch mit Texten aus 100 Jahren Städtebau. Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung, Berlin, 2021) S. 251-261 (260).

[3] Landeshauptstadt Hannover (Hrsg) (1995): Gastgeberstadt Hannover. Projekte zu Stadt und Region als Exponat, Stadt als Garten, Kommunaler Klimaschutz. Stadt als sozialer Lebensraum, Hannover.

[4] Landeshauptstadt Hannover (Hrsg) (1996): Die Stadt als Garten im Hannoverprogramm 2001, Hannover.

[5] Landeshauptstadt Hannover (Hrsg) (1994): Weltausstellung EXPO 2000. Landschaftsgestaltung Kronsberg/EXPO-Park. Beiträge zur Diskussion 12, Hannover.  

[6] Bundesamt für Naturschutz (Hrsg) (2003): Naturschutz, Nasherholung und Landwirtschaft am Stadtrand, Angewandte Landschaftsökologie, Heft 57, Bonn Bad Godesberg.

 

[Beitrag von Kaspar Klaffke, LG Niedersachsen, Bremen]

Ein Gedanke zu „„Stadt als Garten“ auf dem Kronsberg am Rand von Hannover

  1. Cornelius Scherzer Antworten

    Lieber Kaspar Klaffke,
    eine sehr schöne Idee, die Überlegungen zur Verbindung und Entwicklung von Stadt und Land am Kronsberg in den 1990er Jahren mit dem Bericht unserer gemeinsamen Ortsbesichtigung im Juli zu verbinden. „Kronsberg revisited“ regt hoffentlich andere Protagonistinnen und Protagonisten zu Kommentaren und Ergänzungen an. Es ist auch eine Aufforderung, andere große und ehrgeizige Projekte im Hinblick auf ihre Ansprüche und das Erreichte zu betrachten.
    Vielen Dank und beste Grüße
    Cornelius Scherzer

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